06.10.2017
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„Oben in der Luft fallen keine Tore“

Von Uwe Schwöbel

In den 80iger Jahren drehte Woody Allen seine besten Filme. Neben Hannah und ihre Schwestern oder Radio Days unter anderem den bis heute leider etwas unbekannter gebliebenen „Zelig“. Darin besitzt die Hauptfigur Leonard Zelig eine besondere Eigenschaft: Durch seine Unsicherheit gegenüber anderen Leuten passt er sich mental und physisch an die jeweilige Umgebung an. In der Nähe einer Psychiaterin wird er beispielsweise selbst zum Psychiater. Gegen den FC Augsburg war ich mit meiner Freundin und Freunden im Waldstadion. Nicht wie sonst, abseits im neutralen Bereich. Dieses Mal mittendrin: Fanblock, Gesang, Bier und eingeschränkte Sicht auf ein Spielfeld, auf dem es nicht viel zu sehen gab. Mehrere Stunden lang war ich wie Leonard Zelig, ich sang sogar mit. Weit nach dem Spiel erklärte ich betrunken einem Eintracht-Fan in der so genannten „Bembelbar“, dass und wie ich mich ehrenamtlich bei einem Kreisligaverein engagiere. Am Ende fragte er mich „Warum erzählst Du mir das eigentlich alles?“ Darauf hatte ich keine Antwort und ging nach Hause. Seitdem trinke ich kein Bier mehr. Heute schreibe ich das Gesagte etwas ausschweifender nieder. Nüchtern und den Grund dafür kenne ich dieses Mal: Am Wochenende spielt die Bundesliga nicht, daher rief die Fußballzeitschrift 11 Freunde den 8. Oktober offiziell zum „Tag der Amateure“ aus.

Seit 1975 bin ich Mitglied des „ruhmreichen“ TSV Goddelau, einem bereits 1899 gegründeten Turnverein mit einer Fußballabteilung, beheimatet im südhessischen Geburtsort von Georg Büchner. Mit sechs Jahren war das natürlich keine bewusste Entscheidung. Meine Mutter war (und ist) eine gute Freundin meines ersten Trainers, Helmut Klink, und meine Freunde waren fast alle ebenfalls dabei, inklusive Helmuts Sohn Bert. Daher ging ich auch zum Fußball und nicht etwa, weil mein Vater beim TSV oder woanders eine Kickerlegende gewesen wäre. Im Gegenteil: Er ruderte. Im Ruderverein lernte er Anfang der 60iger Jahre auch meine Mutter kennen … und so weiter … und so weiter … Zurück zum Thema: Der ganzen Freundschaft zu Trainer und Mitspielern zum Trotz, spielte ich am Anfang kaum. Mit den Jahren und durch zusätzliches tägliches Kicken auf einem Bolzplatz (ich trug ein königsblaues Trikot, auf das meine Mutter eine weiße 9 bügelte, weil mein Lieblingsspieler der Schalker Mittelstürmer Klaus Fischer war) wurde ich fußballerisch konkurrenzfähiger. Dazu kam, dass sich ab der Pubertät einige Mitspieler zunehmend lieber um Mofas und Mädchen kümmerten und so wurde ich irgendwann Stammspieler. Ausgebremst wurde ich zwischenzeitlich nur durch mein erhebliches Gewicht (selbst verschuldet) und Asthma bronchiale (unverschuldet, weil angeboren).

Ab dem 22. Lebensjahr, ich spielte mittlerweile bei den Senioren, organisierte ich den Spielbetrieb meiner Vereinsmannschaft selbst, weil einige Alt-Internationale, so heißen die, die mit rund 30 Jahren mit dem Fußball spielen aufhören, den Generationenvertrag „Ehemalige organisieren den Vereinsfußball für Aktive“ aufkündigten und sich fortan nur um sich selbst kümmerten. Das habe ich denen bis heute übrigens nicht vergeben und das können die ruhig auch über diesen Kanal mal mitbekommen. So war ich über Jahre Spielausschuss*, Manager, Trainer und Spieler der Zweiten Mannschaft des TSV. Ich würde sogar sagen, dass ich als Spieler auch Leistungsträger war. Das wird von meinen Mitspielern aber bis heute vehement bestritten. In der Zeit vor den sozialen Medien war das wöchentliche Zusammenstellen einer Mannschaft nicht ganz so einfach. Da außer mir nur drei Leute (namentlich „Knöße-Jürgen“, „Doktor“ und „Feivel“) regelmäßig trainierten, musste ich mindestens sieben Spieler mit gültigem Spielerpass von Donnerstagabend bis Sonntagmorgen telefonisch aktivieren („kannst Du Sonntag kicken …“) und einen Teil davon am Spieltag irgendwo auflesen. Mit dem vollzähligen Team klappte es Gott sei Dank immer, wir sagten nie ein Spiel ab und manchmal gewannen wir sogar. Unter den Goddelauer Spielerfrauen war ich über Jahre aber extrem unbeliebt, weil ich ihnen den Sonntag mit dem Freund (oft der spätere Mann) raubte.

Ich blieb über die Jahre beim TSV dabei, weil die Leute dort überwiegend nette Kerle (im Umfeld der Kreisligavereine bewegten sich recht wenig Frauen) waren, von denen einige sehr gute Freunde wurden oder blieben. Und weil ich schon immer süchtig danach war, Fußball zu spielen. Regnete es die ganze Nacht auf Sonntag, hatte ich auch mit 25 Jahren noch Angst, dass das Spiel ausfallen könnte und machte im heimischen Garten meiner Eltern (ich wohnte bis 26 tatsächlich im Elternhaus) den Rasentest. 

Klar war ich damals auch oft im Stadion. Nicht nur regelmäßig bei der Eintracht oder den Lilien in Darmstadt, sondern auch überregional. Mit meinem Bruder und Freunden war ich quasi in jedem Erst- und Zweitligastadion Deutschlands. Trotzdem fand ich es immer besser, Kreisligamatches im heimischen Goddelau oder auswärts zum Beispiel bei der Germania in Gustavsburg zu besuchen, statt Fußballstars im Münchener Olympiastadion kicken zu sehen. Auch weil ich in den Jahren auf den Dorfplätzen TSV Originalen wie „KW“, „Käs“ oder „Sette“ begegnete. Über die (und andere) reden wir heute noch mit großer Freude und Hochachtung und lachen über Anekdoten über sie, insbesondere aus einer Zeit Ende der 80iger, Anfang der 90iger Jahre. Beispielsweise über unseren leider viel zu früh verstorbenen Lothar Schrejma, der ein Spiel seiner Mannschaft pfiff, weil kein offizieller Schiedsrichter kam, und uns einen höchst umstrittenen Elfmeter zusprach. Auf Protest der gegnerischen Spieler nahm er entschlossen den Ball und zeigte erst auf den Elfmeterpunkt („da kommt er hin“) und dann auf das Tor („und da geht er rein“). Oder als er selbst mitspielte und bei unserer Führung jeden erkämpften Ball hoch aus der Abwehr drosch. Auf Nachfrage eines Mitspielers, warum er das ständig täte, antwortete er „da oben in der Luft fallen keine Tore, da passiert uns nix“. Der weiseste Spruch, den ich in über 40 Jahren Fußball hörte.

Unsere Erste Mannschaft (natürlich besser als die Zweite Mannschaft) stieg mit den Jahren immer mal wieder auf und wieder ab. Einige Male durfte ich sogar in diesem Team mitspielen. Das war aber meistens in den Spielzeiten, in denen wir abgestiegen sind. Ein Freund berichtete mir mal von einem Besuch beim ortsansässigen Friseur, der ihm beim Schneiden der Haare vorjammerte „dass kann diese Saison ja nix werden, wenn selbst der Schwöbel in der Ersten spielt“. Meine aktive Karriere als Fußballer endete irgendwann kurz nach der schwersten Krise unseres Vereins in der B Liga und meine Karriere als Funktionär startete: Spielausschussvorsitzender, Vorstandsmitglied, Abteilungsleiter Fußball und Schiedsrichter(betreuer). Statt auf dem Platz stand ich nun (und stehe immer noch) überwiegend daneben oder sitze in Besprechungsräumen im heimischen Sportheim beziehungsweise in fremden, mit verstaubten Pokalen und ausgebleichten Wimpeln dekorierten, Vereinssälen: Spielausschusssitzung, Abteilungsversammlung, Vorstandssitzung, Rundenbesprechung, Kreispokalauslosung und vieles mehr. Dabei lernte ich super Leute kennen, die so wertvoll für den Fußball sind, dass man das kaum in Worte fassen kann. Zum Beispiel Uwe Lang, Schiedsrichterobmann des Kreises Groß Gerau, Otto Kraft, Spielausschussmitglied von Olympia Biebesheim oder den bereits oben genannten Goddelauer Günter „Sette“ Martin, der seit über 40 Jahren ehrenamtlicher Jugendleiter in meinem Heimatverein ist und zudem als hauptamtlicher Bademeister die Badekappenpflicht in unserem Schwimmbad abschaffte. Für mich ist er deshalb ein „Heiliger“ (was jetzt laut strenger Definition** nicht richtig ist, weil er glücklicherweise am Leben ist). Ich erkenne in den Vereins- und Verbandssitzungen aber auch immer wieder wie Recht mein Opa hatte, wenn er sagte „wer viel schwätzt, schwätzt viel dummes Zeug“. Und wie peinlich ehemalige Vereinsvorsitzende sein können, die verbittert Abteilungen aus dem eigenen Verein das Leben schwer machen.

Fußball ist wirklich ein toller Sport, der leider in den oberen Ligen teilweise von Geschäftemachern, Wichtigtuern oder selbstgefälligen Fangruppen vereinnahmt wurde. Die Wichtigtuer gibt es natürlich auch an der viel zitierten Basis. Auch laufen „Investoren“ rum, die einen Verein binnen weniger Jahre aus der untersten Spielklasse in kreisübergreifende Ligen hoch kaufen. Das habe ich schon dutzende Male erlebt. Oft fallen diese Vereine irgendwann wieder am eigenen vorbei in die Tiefe, weil der genannte Geldgeber seine Zuwendungen wieder einstellt. Mein Verein spielt seit Jahren in der Kreisliga A (mal eine Klasse höher, mal eine niedriger), wir achten darauf, dass wir uns stetig weiterentwickeln und tuen dies mit einer kleinen Gruppe. Wir zahlen den Spielern kein Geld und freuen uns darüber, dass sie dennoch zusammenbleiben, weil es „in der Mannschaft“ weitestgehend stimmt und mehr gewonnen als verloren wird. So reicht es nie zum ganz großen Sprung, aber das ist in Ordnung so. Vielleicht steigen wir in den nächsten Jahren mal auf. Verdient hätten wir es. Mittlerweile spielt ein Enkel meines ersten Trainers Helmut in der Ersten Mannschaft und sein jüngerer Bruder steht als A Jugendlicher an der Schwelle zu den Aktiven. Trainiert wird der jüngere von seinem Vater Bert, einem meiner ältesten Freunde, der wie ich auch im Spielausschuss des TSV ist. Ihn ärgere ich noch heute mit einer Geschichte, die mir meine Mutter mal erzählte: Er hätte als Sechsjähriger immer so geweint, wenn er zum Beispiel gegen mich ausgewechselt wurde, dass ihn sein Vater Helmut immer gleich wieder einwechseln musste. Er bestreitet das, leider gibt es von den Szenen kein Video- oder Super 8 – Material.

"Ich könnte keinem Verein beitreten, der Leute wie mich als Mitglied aufnehmen würde", so zitiert der eingangs bereits genannte Woody Allen Komikerlegende Groucho Marx am Anfang von „der Stadtneurotiker“.

Ich bin froh, dass ich als Sechsjähriger dem TSV Goddelau beigetreten wurde.

* der Spielausschuss organisiert den Fußballbetrieb in einem Verein. Er wickelt Vereinswechsel von Spielern ab, holt die Trikots für das Spiel ab, produziert Eiswürfel für den Fall einer Verletzung, füllt den offiziellen Spielberichtsbogen aus usw.

** Eine Heiligsprechung ist in der römisch-katholischen Kirche ein kirchenrechtliches und dogmatisches Verfahren. Voraussetzung dafür sind entweder das Erleiden des Martyriums oder der Nachweis eines heroischen Tugendgrads des Betreffenden. Bei Kandidaten, die keine Märtyrer waren, wird zudem der Nachweis eines Wunders gefordert (Auszug aus Wikipedia)


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